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1. DIE ENTWICKLUNG
Im Mai 1992 wurde mir aufgrund einer Gürtelrose am rechten Schulterblatt
eine CML diagnostiziert. Ende Juni 1992 begann eine Interferon Therapie
im Klinikum Krefeld, gleichzeitig begann die Suche nach einem Knochenmarkspender
in der Familie. Im September erfolgte eine Vorstellung in den Uni – Kliniken
Essen zwecks Knochenmarktransplantation, da inzwischen Feststand , daß
meine beiden Brüder für eine Spende in Frage kämen. Es stellte
sich jedoch heraus, daß die Wartezeit in Essen recht hoch war
und das die „Faustregel“, eine KMT möglichst ein Jahr nach der Diagnose
durchzuführen, nicht zu erfüllen war. Deshalb sprach ich im November
1992 in den Düsseldorfer Uni – Kliniken vor. Dort erfolgte dann
am 13. April 1993 die Transplantation. Nach erheblichen Schwierigkeiten
– ich mußte während der schwierigsten Phase aus der sterilen
Einheit in die Intensiv Station verlegt werden, dort wurde ich nach einer
Reanimation 10 Tage im künstlichen Koma und unter künstlicher
Beatmung am Leben gehalten - konnte ich am 11. Juni 1993 die Station verlassen.
Es folgte die langwierige ambulante Nachsorge. Am 1. März 1994 konnte
ich zum ersten Mal zur Rehabilitation eingewiesen werden. Am 18. April
1994 nahm ich meine Arbeit wieder auf. Im Juli 1994 wurde mir eröffnet,
daß die Blut – und Knochenmarkwerte ein Rezidiv der CML aufweisen
würden. Nun erfolgte – nach zwischenzeitlicher Interferon Therapie
- in der Woche vom 9. bis 16. Januar 1995 eine Buffy – Coat Übertragung
auf der Station ME 7 in den Düsseldorfer Uni - Kliniken. Die
Nebenwirkungen dieser Therapie erreichten im August 1995 ihren Höhepunkt
und trieben mich erneut in die Nähe des Todes. Im September 1995 begann
ich eine Psychotherapie in Krefeld – Uerdingen. Die erste Rehabilitaionsmaßnahme
nach dem Rezidiv trat ich vom 09. September 1996 bis zum 21. August 1996
an, die zweite Maßnahme begann am 14. Juli 1997 und endete
am 11. August 1997. Vom 13. Oktober 1998 bis zum 10 November 1998 fand
eine dritte Rehabilitaionsmaßnahme in Freiburg statt.
2. DIE PHYSISCHEN FOLGEN UND WIRKUNGEN
Die geschilderten Therapien haben mit ihren erheblichen Wirkungen auf
Seele und Körper zu drastischen Einschränkungen im täglichen
Leben geführt. Im folgenden sollen die körperlichen Behinderungen
– das Versorgungsamt in Düsseldorf erkannte einen Schwerbehindertengrad
von 100 % zu (mit Bescheid vom 11. April 1999 wurde ein Grad der Behinderung
von 70% für angemessen erklärt) - aufgezeigt werden.
Das Hauptproblem ist die inzwischen chronisch verlaufende Abwehrreaktion
GvHD. Diese GvHD beeinträchtigt bzw. bestimmt den täglichen Lebensrhythmus.
a) ÄUßERE MERKMALE:
- Der Kopf : Durch die erhöhte Reizbarkeit der Kopfhaut ist es nötig, im Sommer die Kopfhaut vor Sonneneinstrahlung zu schützen, im Winter ist es nötig, aufgrund eines erhöhten Kälteempfindens, ständig die Kopfhaut zu schützen. Des weiteren besteht – das gilt für die gesamte Haut – ein gesteigerter Pflegebedarf.
- DieAugen: Hier bestehen drei Probleme
1.) sind aufgrund der Schleimhautveränderungen
die Augen trocken;
2.) wuchsen die unteren Wimpern
ständig in die Augen hinein, so daß mindestens 14 tägig
der Augenarzt die Wimpern mit einer Pinzette entfernen
mußte. Am 3. November 1998 wurde daraufhin in der Freiburger Universitätsklinik
eine Lippen- schleimhauttransplantation vorgenommen. Nun ist das Problem
mit den Wimpern weitestgehend gelöst, nur die Schleimhäute sind
nach dem Eingriff hypersensibel geworden;
3.) die Augen sind lichtempfindlicher
als vor den Therapien.
Diese drei Faktoren bewirken u.a. , daß die ständigen Reizungen
eine beschleunigte Müdigkeit der Augen hervorrufen.
- Das Gesicht: Auch hier gilt die erhöhte Sensibilität der Haut hinsichtlich Sonneneinstrahlung und Kälteempfinden, tägliche Pflege ist absolut Notwendig, um mögliche negative Einflüsse zu kompensieren.
- Die Brust und der Rücken: Durch tägliche intensive Pflege mit Cremes und Salben versuche ich möglichen Hautveränderungen zu entgegnen.
- Die Arme: Am linken Unterarm zeigt sich trotz guter Pflege eine deutliche - teilweise schmerzhafte / juck-ende - Hautveränderung.
- Die Hände: Sowohl die Fingernägel, als auch die Zehnägel zeigen ein gestörtes Wachstum.
- Die Beine: An beiden Unterschenkeln sind deutliche Hautveränderungen erkennbar, die in Unterschied-lichen Stärken schmerzen und jucken. Auch die Ausweitung der angegriffenen Hautflächen variiert.
- Die Hautveränderungen:
Um den genannten Veränderungen an Armen und Beinen entgegenzuwirken, fanden
von Mai bis August 40 Lichtbehandlungen ( PUWA ) in der Düsseldorfer Hautklinik
statt. Die Verhärtungen konnten somit zum Stillstand und zu einer geringen Verbesserung
gebracht werden.
b) INNERE MERKMALE:
- Der Mund: Die schon angesprochenen Schleimhautveränderungen sind im Mund – und Rachenraum am unangenehmsten. Heiße Getränke oder Speisen muß ich vermeiden, die Mahlzeiten dürfen nicht sehr ge-würzt werden. Außerdem besteht erhöhte Infektionsgefahr, so daß auch dieser Bereich unbedingter Pflege und mittels spezieller Gurgellösung ständiger Linderung bedarf.
- Die Speiseröhre: Infolge von Trockenheit der Speiseröhre kommt es des Öfteren – insbesondere bei Aufnahme von Fleisch – zu Problemen. Das Fleisch bleibt in der Speiseröhre und muß ausgespuckt werden.
- Die Lunge: Der oben genannte Aufenthalt in der Intensiv – Station während der KMT war auf einen unbekannten Lungeninfekt zurückzuführen. Gegenwärtig zeigen sich zwei Merkmale. Zum Ersten führt jede „Anstrengung“ zur Kurzatmigkeit. Zum Zweiten zeigen sich regelmäßig weiße Schleimabsonderungen der Lunge.
- Die Leber: Die zweite Therapie – die Buffy-Coat Übertragung – schlug hauptsächlich auf die Leber, erhöhte Fettwerte im Blut basieren u.a. auf einer Funktionsstörung des Organs. Durch unsaubere Verarbeitung des Bluts werden nicht alle Fette kompensiert.
- Der Darm: Die erhöhte Infektionsgefahr
erlaubt mir, nur noch einwandfreie Mahlzeiten einzunehmen. Jede nur noch
so kleine Infektion bedeuten für mich schwerste Belastungen. Nach
mehrmaligen Darmspiegelungen hat mich mein konsequenter Lebenswandel in
letzter Zeit von diesbezüglichen Schwierigkeiten bewahrt.
- Die Gelenke: Besagte GvHD führt
zu Schmerzen in den Gelenken. Durch Krankengymnastik versuche ich dem entgegenzuwirken.
- Das Immunsystem: Die Tatsache, daß ich mit einem eingeschränkten Immunsystem zu leben habe, bedeutet die größte Einschränkung. Jede nur erdenkliche Infektion versuche ich zu vermeiden, in der Hauptsache durch den Verzicht auf soziale Kontakte.
- Die Müdigkeit: Alle genannten
Merkmale führen zu einer verstärkten Müdigkeit, so daß
ein tägliches Schlafbedürfniss von zwölf Stunden angezeigt
ist. Überanstrengungen äußern sich in migräneartigen
Anfällen – Erbrechen, Kopfschmerz, Schweißausbrüche - .
Die Ärzte sprechen von chronischem Erschöpfungszustand.
3. DIE PSYCHISCHEN FOLGEN UND WIRKUNGEN
Für den Patienten sind die seelischen Folgen bedeutsamer als die medizinischen Eingriffe. Für meine Person möchte ich in dieser Kurzbeschreibung die drei wirksamsten Veränderungen herausstellen. Ich bitte allerdings darum, zu beachten, daß die üblichen Sorgen und Probleme ( die in meinem Umfeld leider nicht von Pappe sind und waren ) trotz einer Krankheit immer bestehen bleiben. Eine lebensbedrohende Krankheit – wie in diesem Fall eine Leukämie – fügt den täglichen Widrigkeiten allerdings eine neue Dimension hinzu, und verändert letztendlich die gesamte Lebensperspektive.
a) Die ständige Bedrohung:
Die bisher geschilderten Einschränkungen sind ein ständiger
Unruheherd im täglichen Dasein. Inzwischen haben sich die Perspektiven
dahingehend verschoben, daß die Wahrnehmung einer Bedrohung nicht
allgegenwärtig ist. Körperliche Signale werden jetzt deutlicher
und intensiver von mir Erfaßt. Die antrainierte Erfahrung im Umgang
mit der Krankheit – ihre Verinnerlichung – gibt mir inzwischen einen gewissen
Spielraum im Umgang mit den Ärzten und den gebotenen Eingriffen /
Medikationen. Mein gesamter Lebensablauf wird von den oben genannten „körperlichen
Gegebenheiten“ her bestimmt.
b) Der soziale Abstieg:
Für jeden Menschen dürfte ein sozialer Abstieg von Bedeutung
sein. Der materielle Schaden läßt sich bei mir auf ca. 2.000;--
DM monatliche Mindereinnahmen beziffern. Die Höhe meines monatlichen
Einkommens beträgt 1.800 DM von diesem Betragt sind 260;-- DM Krankenkassenbeitrag
abzuziehen. Aus einem gesunden auf eigenen Füßen stehenden Mannes
wurde ein vom Einkommen seiner Frau abhängiger Ehemann. Auch die Mutation
vom Vorarbeiter in der Textilindustrie zum Hausmann war ein schwieriger
Prozeß. Die weitreichenden Veränderungen im gesellschaftlichen
Dasein sollen erst gar nicht angesprochen werden. Am schlimmsten wirkt
auf meine Person das Unverständnis der Umwelt und die unglaubliche
Gefühlskälte der Behörden und Ämter, namentlich und
in der Reihenfolge des Schreckens seien hier die BfA, das Versorgungsamt
Düsseldorf und das Bundesgesundheitsministerium mit den bekannten
Einsparungen genannt. Im Umgang mit den Ämtern und Behörden,
die ständig danach trachten einem Schwerkranken die finanziellen
und materiellen – und hinsichtlich der Zuzahlung bei Kuren und Medikamenten
sogar die elementaren - Lebensgrundlagen zu entziehen, führen
zu tiefen Krisen, die zu den oben genannten Flammen der Sorgen und
Problemen noch zusätzliches Öl hinzufügen. Glücklicherweise
wurde meine Rente wegen Erwerbs- unfähigkeit vom 13.April 1994 (nach
zweimaliger Verlängerung) mit Bescheid vom 7.Januar 1999 auf unbestimmte
Zeit gewährt.
c) Der neue Lebenssinn:
Daß die medizinischen Erkenntnisse zur Durchführung
einer KMT im wesentlichen auf den Erfahrungen von Hiroshima und Nagasagi
zurückgehen, verdeutlicht einmal mehr welchen unvorstellbaren Strapazen
ich mich während der zwei Therapien zu unterziehen hatte. Meine gegenwärtige
Situation läßt sich folgendermaßen beschreiben: Für
mich stellt sich nicht die Frage ob ich gesund ober krank bin, sondern
es stellt sich immer wieder die Frage, ob ich noch lebe oder ob ich schon
sterbe ?
Die Liebe meiner Frau, die Zuneigung meiner Eltern ( mein Vater starb
zwischendurch an Darmkrebs ), haben letztendlich dazu geführt, aus
dem Jenseits zurückzukehren. So macht es auch Sinn für mich den
Haushalt zu versorgen während meine Frau zweischichtig arbeiten geht.
Das zweite Standbein ist nunmehr ein Teilzeitstudium an der Fern Universität
in Hagen geworden. Zwar wird mir ständig mein mangelhafter Zustand
bewußt, da ich recht schnell ermüde, dennoch habe ich einen
Weg gefunden, den täglichen Ablauf in für mich erträglicher
Art und Weise zu organisieren.
Daß die medizinischen Fachleute Knochenmarktransplantierte als
Chimären bezeichnen, gibt nochmals einen Eindruck in meine Erlebniswelt.
In meinen Adern pulsiert das Blut meines 10 Jahre jüngeren Bruders,
das von seinem Knochenmark in den Hohlräumen meiner Knochen produziert
wird. Das Immunsystem meines Bruders wacht über meinen Körper.
Ich habe diese grobe Skizze meiner Krankheit angelegt, weil es immer
wieder bei Vorstellungen – hauptsächlich bei Ärzten – zu verkürzten
Darstellungen kommt. Dieses Papier soll Fachleuten und interessierten Privatleuten,
helfen mögliche Pauschalurteile zu vermeiden und ggf. zu Diskussionen
oder Nachfragen anregen.
Krefeld, den 12. September 1998
Bearbeitet: Krefeld, den 13. April 2000
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